Ein Instrument mit Merseburger Spur: Das Cimbalom zwischen Geschichte und Gegenwart

Zymbal

Manchmal entstehen die spannendsten Entdeckungen im Gespräch. Bei einer Musikveranstaltung trafen wir die in Berlin lebende ungarische Cimbalom-Künstlerin Enikő Ginzery – eine herausragende Interpretin, die das Cimbalom nicht als folkloristisches Begleitinstrument versteht, sondern als vollwertiges Konzertinstrument für klassische Musik: von Alter Musik bis zu zeitgenössischen Kompositionen.

Im Austausch über die Musikprogramme des kommenden Jahres kam auch das Festival in Merseburg zur Sprache. Dabei eröffnete Enikő Ginzery einen überraschenden Blick auf die Musikgeschichte: Eine wichtige Etappe in der Entwicklung des Cimbaloms – und auch in der Vorgeschichte des Klaviers – ist mit der Umgebung von Merseburg verbunden. Der Musiker und Komponist Pantaleon Hebenstreit entwickelte in den 1690er-Jahren, wohl in einem Dorf bei Merseburg, eine große Konzertform des Hackbretts weiter. Das nach ihm benannte Pantaleon wurde später an europäischen Höfen bewundert und gilt als ein bedeutendes Instrument auf dem Weg zu neuen Klang- und Tasteninstrumenten.

Damit öffnet sich ein faszinierender historischer Bogen: von Mitteldeutschland über die höfische Musikkultur Europas bis nach Ungarn. Dort erfuhr das Cimbalom im 19. Jahrhundert eine weitere entscheidende Entwicklung. Der Budapester Instrumentenbauer József Schunda schuf das moderne Konzertcimbalom mit Pedalen und machte das Instrument damit für den Konzertsaal neu verfügbar. Auch Franz Liszt beschäftigte sich intensiv mit den Klangmöglichkeiten dieses Instruments, das in Ungarn bis heute einen besonderen Platz in der klassischen Musik einnimmt.

Gerade darin liegt eine Besonderheit der ungarischen Musikgeschichte: Das Cimbalom blieb nicht allein im Bereich der Volksmusik verankert, sondern wurde von Komponistinnen und Komponisten bis in die Gegenwart hinein für die Kunstmusik entdeckt. Enikő Ginzery hat in den vergangenen Jahrzehnten mit zahlreichen zeitgenössischen Komponierenden zusammengearbeitet und zeigt, wie wandlungsfähig, differenziert und modern dieses Instrument klingen kann.

Für Merseburg ist diese Verbindung besonders reizvoll. Denn wenn das Cimbalom im Festivalprogramm erklingt, begegnet hier nicht nur ungarische Musiktradition einem der bedeutendsten Orgelorte Mitteldeutschlands. Es wird zugleich eine kaum bekannte historische Spur hörbar, die von der Umgebung Merseburgs bis in die europäische Musikgeschichte führt. Das Cimbalom erzählt damit von Bewegung, Austausch und klanglicher Neugier – und davon, wie eng regionale Geschichte und europäische Musikkultur miteinander verbunden sein können.

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