SALONORCHESTER CAPPUCINO

Selten gibt es ein Ensemble wie das Salonorchester CAPPUCCINO
einen ganz konkreten Geburtstag. Der 30. April 1989 lag für die Leipziger
Hochschulen direkt in der sogenannten »Roten Woche«, die in der
ehemaligen DDR dem intensiven Studium des Marxismus-Leninismus
galt. Gemeinsam mit Kommilitonen aus Schauspiel und bildender Kunst
machten die Musiker anstelle der philosophischen Turnübungen !r drei
Tage ein Café in der Hochschule auf – mit sensationellem Erfolg! Für uns
Studenten war es vor allem erstaunlich, wie gut sich die eigenen Professoren
im Bereich der leichten Muse auskannten und mit welchem Spaß sie
an dieser Unternehmung teilnahmen. Spontan wurde CAPPUCCINO zum
Betriebsvergnügen anlässlich des 1. Mai eingeladen, welches einen unvergesslichen
Blick in das gesellige Privatleben des Lehrkörpers gestattete…
In den folgenden Jahren erwuchs daraus eine feste Institution: Das Salonorchester
spielte zur Semestereröffnung auf, die Verwaltung kellnerte, die
Professoren spendierten Kuchen und Kaffee…
Die Wende brachte uns allen neue künstlerische Impulse. Gerade auch die
Salonmusik stand Anfang der 90er-Jahre durch Rieus Walzerwogen und
die näselnde Präsenz eines Raabe zunehmend im Fokus der Aufmerksamkeit.
Profis wie Laienmusiker erinnerten sich der Notenstapel mit larmoyanten
Charakterstücken und zündenden Schlagern – CAPPUCCINO
ö”neten sich eher andere Interessenfelder. Geschichte wurde eben teilweise
neu erfunden, und, durch Kabaretttexte angeregt, beschäftigten wir
uns mit Unterhaltungsmusik der 30er-Jahre. Zwischen 1941 und 1945 existierte
im Ghetto Theresienstadt ein beeindruckender Kunstbetrieb, der den
dort Inhaftierten manchmal einen Hauch von Lebensmut geben konnte.
Getragen wurde diese »Freizeitgestaltung« von prominenten jüdischen
Künstlern aller Sparten und Länder Europas – und die Rekonstruktion von
Chansons und Liedern wurde für uns zu einer emotionalen Begegnung mit
einer ganz anderen Dimension von Unterhaltungsmusik! Darüber gestalteten
wir 1992 in der Leipziger Musikhochschule unser erstes Konzertprogramm,
welches mit einer großen Ausstellung und Vorträgen kombiniert
wurde. Die vielleicht wichtigste Erfahrung dieses Projekts prägt seither
all unsere Programme: Salonmusik spiegelt immer Zeitgeschichte, und es
lohnt sich, sie hörbar zu machen!
Bis Mitte der 90er-Jahre spielte CAPPUCCINO vor allem an Buffets, auf
Hochzeiten und bei vielen Bällen. Die Notenbibliothek wuchs, unsere
ersten eigenen Arrangements entstanden, durch Operetten- und Musicalgalas
in der Musikalischen Komödie Leipzigs und der hiesigen Musikhochschule
erschlossen wir neue Aufgabenfelder. So schön das auch immer

CAPPUCCINO träumte von der eigenen Konzertreihe! Immer wieder
hatten wir erlebt, dass die Kunst des Salons zwar ein Publikum, jedoch kein
Podium mehr hat. Jetzt wollten wir dieses Forum selbst aufbauen.
Aus den ersten 20 Besuchern am 4. November 1995 in der kleinen Handelsbörse
wurden binnen Kurzem 200. Ein Stammpublikum entwickelte sich,
das wir persönlich kannten, welches lebhaft und sangesfreudig Anteil
nahm und dadurch unser Profil schärfte. Nur dank engagierter Freunde
konnten wir den Kartenverkauf bewerkstelligen, Plakate austragen und
einen Telefondienst einrichten. Nach gut zwei Jahren waren schon bei
Beginn eines Konzertes alle Plätze !r das nächste verkauft. Und so war es
ein Glücksfall !r CAPPUCCINO, dass wir mit dem Gewandhaus in langen
Gesprächen eine Kooperation für die Reihe »Das gibt’s nur einmal« entwickeln
konnten, die Dank des treuen Publikums eine langjährige Erfolgsgeschichte
hat. Nicht nur, dass jedes der Programme dieser Zeit ein Unikat
war, es gibt kein zweites Konzerthaus in Deutschland mit Kaffeehausmusik
im Abonnement!
Natürlich ist CAPPUCCINO auch über Leipzig hinaus aktiv geworden.
Zur Initialzündung hier!r wurde die Einladung zum Salonmusikfestival
nach Interlaken 1996. Auftritte beim Rheingaufestival und dem Weinherbst
Niederösterreich folgten, über zehn Jahre gehörten wir zum Team
des Leipziger Opernballs, waren Gäste bei der Dresdner Ballnacht, dem
ADAC&Ball in Berlin, den Ludwigsburger Schlossfestspielen oder auch
beim Mozartfest in Würzburg. Fernsehaufnahmen !r ARD und NDR sowie
inzwischen drei CD&Produktionen haben das Orchester weit über Leipzig
hinaus bekannt gemacht.
Seit seinem ersten Konzert spielt das Salonorchester CAPPUCCINO
normalerweise in der reduzierten Pariser Besetzung mit zwei Violinen,
Violoncello, Kontrabass, Flöte, Oboe, Klarinette, Posaune und Klavier.
Je nach Programm und Anlass tritt das Ensemble aber auch in anderer
Formation in Erscheinung. Die Mitglieder gehören größtenteils renommierten
Orchestern wie z. B. der Staatskapelle Dresden, dem Gewandhausorchester
Leipzig und der Staatskapelle Halle an oder sind Professoren
an den Musikhochschulen von Bremen und Dresden. Besonders prägend
für das Ensemble ist sein Pianist und Arrangeur Horst Singer, der über
25 Jahre der bekanntesten ostdeutschen Bigband unter Fips Fleischer
angehörte und musikalische Ausflüge in die Bereiche Swing und Musical
ermöglicht hat.
Das eigentliche Gesicht von CAPPUCCINO ist aber sein Stehgeiger und
Conferencier Albrecht Winter, der neben der geigerischen Finesse seines
Vortrags auch mit sängerischen Eskapaden und einem profunden Wissen
um die Geschichten des musikalischen Salons glänzt.

ALBRECHT
WINTER
wurde 1970 in Rüdersdorf bei Berlin geboren und studierte nach seiner
Schulzeit an der Spezialmusikschule in Halle an der Saale Violine bei
Klaus Hertel in Leipzig. Eine rege Konzerttätigkeit !hrte ihn bisher durch
Deutschland, aber auch nach Frankreich, Italien und Japan. 1992 wurde
erstmals seine Ausstellung über »Kunst im Ghetto #eresienstadt« gezeigt,
die später auch in Stralsund, Dresden, Eberswalde, Berlin und in der
Schweiz zu sehen war.
Von 1997 bis 2003 war Albrecht Winter als Konzertmeister der 2. Violinen im
Gewandhausorchester tätig. Von 2003 bis 2013 wirkte er als künstlerischer
Leiter des Kammerorchesters »Neues Bachisches Collegium Musicum«,
mit dem er vor allem in den Konzertreihen »Bachische Abend-Musicken“
und »Historische Konzerte« regelmäßig präsent war. Sein Salonorchester
CAPPUCCINO hat mit ambitionierten Programmen in über 25 Jahren die
konzertante Kaffeehausmusik im Leipziger Gewandhaus fest etabliert und
gastiert deutschlandweit.
Nach langer Lehrtätigkeit an der Leipziger Musikhochschule wurde
Albrecht Winter 2003 als Violinprofessor an die Musikhochschule Köln,
Standort Wuppertal, berufen. Schwerpunkte seiner Tätigkeit neben dem
Geigenunterricht waren dort die Themen Auffürungspraxis und Fachdidaktik.
Inzwischen unterrichtet er an der Musikhochschule in Dresden
und am Sächsischen Landesgymnasium für Musik.