NYÍREGYHÁZI CANTEMUS KÓRUS

Der Nyíregyházi Cantemus Kórus gehört zu den bedeutenden Zentren der ungarischen Chorkultur. Seine Heimat ist die ostungarische Stadt Nyíregyháza, in der sich über fünf Jahrzehnte hinweg eine außergewöhnliche Chortradition entwickelt hat. Die Cantemus-Chorfamilie umfasst heute fünf Ensembles mit insgesamt mehr als 400 Sängerinnen und Sängern. Seit ihrer Gründung im Jahr 1975 führten mehr als 220 Konzertreisen die Cantemus-Chöre in insgesamt 36 Länder. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die musikalischen und pädagogischen Ideale Zoltán Kodálys: hochwertiger Chorgesang, intensive musikalische Bildung und die Überzeugung, dass gemeinsames Singen Menschen und Gemeinschaften miteinander verbindet.

Zu dieser Chorfamilie gehört der Cantemus Vegyeskar – der Cantemus Mixed Choir, der bei den Merseburger Orgeltagen unter der Leitung von Soma Szabó zu erleben ist. Der Gemischte Chor vereint erfahrene Sängerinnen und Sänger und bildet innerhalb der Cantemus-Institution ein Ensemble für anspruchsvolle A-cappella-Literatur ebenso wie für große vokalsinfonische Werke. Seine Programme reichen von der Renaissance bis zur Gegenwart und verbinden die europäische Chormusiktradition mit einem besonderen Schwerpunkt auf ungarischer Musik.

Untrennbar mit Cantemus verbunden ist die Musik Zoltán Kodálys. Seine Vorstellung, musikalische Bildung müsse möglichst früh beginnen und der Gesang bilde hierfür die natürlichste Grundlage, prägt die Arbeit der Institution bis heute. In Nyíregyháza werden Singen, Notenlesen, Gehörbildung und gemeinschaftliches Musizieren bereits von Kindheit an selbstverständlich miteinander verbunden. Diese Ausbildung schafft die Grundlage für jene klangliche Homogenität, Präzision und musikalische Ausdruckskraft, für die die Cantemus-Ensembles international bekannt geworden sind.

Die Cantemus-Tradition begann mit der Chorarbeit von Dénes Szabó, der über Jahrzehnte hinweg eine der international erfolgreichsten ungarischen Chorschulen aufbaute. Aus ihr gingen neben dem Cantemus-Kinderchor unter anderem der international vielfach ausgezeichnete Pro Musica Mädchenchor und weitere Ensembles hervor. Der Pro Musica Mädchenchor wurde unter anderem mit dem Europäischen Grand Prix für Chorgesang ausgezeichnet und errang bei der Chorolympiade in Busan mehrere Goldmedaillen und Olympiasiege sowie den Silver Rose Bowl des BBC-Wettbewerbs Let the Peoples Sing. Die Chorfamilie wurde darüber hinaus mit bedeutenden ungarischen Kulturpreisen wie dem Bartók-Pásztory-Preis und dem Magyar-Örökség-Preis gewürdigt.

Heute wird die künstlerische Arbeit des Cantemus Vegyeskar maßgeblich von Soma Szabó geprägt. Der Dirigent ist selbst in der musikalischen Tradition von Nyíregyháza aufgewachsen und führt die von seinem Vater Dénes Szabó aufgebaute Chorarbeit in die nächste Generation. Unter seiner Leitung verbindet der Gemischte Chor die Pflege der klassischen ungarischen Chorliteratur mit Werken der europäischen Musikgeschichte und der intensiven Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kompositionen.

Das Repertoire des Ensembles spannt einen weiten Bogen. Werke der Renaissance von Komponisten wie Giovanni Gabrieli und Carlo Gesualdo gehören ebenso dazu wie Musik Johann Sebastian Bachs, romantische Chorliteratur und bedeutende Werke des 20. und 21. Jahrhunderts. Einen herausragenden Stellenwert besitzen die Kompositionen ungarischer Meister wie Béla Bartók und Zoltán Kodály sowie Werke heutiger ungarischer Komponisten, darunter Levente Gyöngyösi und Máté Bella. Damit versteht sich das Ensemble gleichermaßen als Bewahrer einer großen nationalen Musiktradition und als aktiver Förderer zeitgenössischen Komponierens. Das aktuelle Repertoire des Chores dokumentiert diese Spannweite von Gabrieli und Gesualdo bis zu neuer ungarischer Chormusik.

Neben A-cappella-Programmen widmet sich der Cantemus Vegyeskar großen oratorischen und vokalsinfonischen Werken. Gerade die Verbindung von differenzierter Chorarbeit und orchestralem Klang gehört zu den besonderen Stärken des Ensembles. Auch Opernchöre von Mozart, Rossini, Verdi, Wagner, Smetana, Bizet, Puccini und anderen Komponisten gehören zum Repertoire, wie ein großes Opernprogramm der Cantemus-Saison 2026 zeigt.

Die Pflege zeitgenössischer ungarischer Musik besitzt zugleich große Bedeutung. Neue Werke entstehen immer wieder unmittelbar für die Cantemus-Ensembles und werden von ihnen uraufgeführt. So bleibt die ungarische Chortradition nicht auf das historische Erbe Bartóks und Kodálys beschränkt, sondern wird kontinuierlich weiterentwickelt. Vergangenheit und Gegenwart treten dabei in einen lebendigen musikalischen Dialog.

Die internationale Konzerttätigkeit ist seit Jahrzehnten ein wesentlicher Bestandteil der Cantemus-Arbeit. Die Chöre aus Nyíregyháza vertreten die ungarische Musikkultur auf Konzertreisen, bei Festivals und Wettbewerben weit über die Landesgrenzen hinaus. Im September 2026 führt eine Konzertreise den Cantemus Vegyeskar zunächst zum Tschechischen Chorfestival nach Hradec Králové und anschließend nach Deutschland zu den Merseburger Orgeltagen.

Bei den 56. Merseburger Orgeltagen 2026 kommt dem Cantemus Vegyeskar eine zentrale Rolle innerhalb des Festivalthemas „Musikland Ungarn – von der Heiligen Elisabeth bis zum Buch mit sieben Siegeln“ zu. Am 18. September bildet Zoltán Kodálys monumentaler Psalmus hungaricus einen der großen vokalsinfonischen Höhepunkte des Festivals. Unter der Leitung von Soma Szabó musiziert der Chor gemeinsam mit der Staatskapelle Halle, dem Tenor Daniel Johannsen und István Ella an der historischen Ladegastorgel des Merseburger Domes.

Am folgenden Abend präsentiert sich das Ensemble im Rahmen der Ungarischen Musiknacht von seiner besonderen A-cappella-Seite. Im Mittelpunkt stehen erneut Werke Kodálys, darunter Szép könyörgés, Ének Szent István királyhoz, Miserere, Fölszállott a páva, Liszt Ferenchez und Jézus és a kufárok. Mit „Laudes organi“ für Chor und Orgel mündet das Programm schließlich in eines jener Werke, in denen sich Kodálys Begeisterung für die menschliche Stimme mit der Klangwelt der Orgel verbindet.

Der Nyíregyházi Cantemus Kórus steht damit exemplarisch für eine bis heute lebendige ungarische Chorkultur, in der musikalische Spitzenleistung und musikalische Bildung nicht voneinander getrennt werden. Die von Kodály formulierten Ideale – gemeinsames Singen als Grundlage musikalischer Kultur, höchster künstlerischer Anspruch und Musik als gemeinschaftsbildende Kraft – bestimmen die Arbeit des Ensembles bis heute. Mit dem Cantemus Vegyeskar kommt zu den Merseburger Orgeltagen ein Chor, der diese Tradition nicht nur bewahrt, sondern sie auf internationalen Konzertpodien und in der Begegnung mit zeitgenössischer Musik kontinuierlich weiterführt.