Zur Geschichte der Merseburger Domorgel


Eine Orgel für den Merseburger Dom wird erstmals Ende des 13. Jahrhunderts im Zusammenhang mit einem Vermächtnis erwähnt, das der Errichtung eines neuen Instruments nach einer großen Domerneuerung gedient haben könnte. Notizen zu Orgelreparaturen im späten 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen eine Schwalbennestorgel vermuten, die sich im westlichen Teil des Domes wohl an der Südwand des Nordwestturms befand und für
die zu dieser Zeit Brust- und Oberwerk sowie Pedal und Rückpositiv bezeugt sind.

In der Barockzeit diente der Merseburger Dom der im angrenzenden Schloß residierenden albertinischen Sekundogenitur Sachsen-Merseburg als Hofkirche. Er verdankt dieser „Herzogszeit“ außer dem Altargerät wesentliche Teile seiner Ausstattung, die noch heute den Eindruck des Innenraumes bestimmen: neben dem Hauptaltar (1668) und dem monumentalen Portal zur Fürstengruft (1670) vor allem die Orgel, die nach einem ersten Neubau 1665/66 ab 1693 noch einmal vollständig erneuert wurde und dafür auch 1697 einen neuen Prospekt erhielt.

Damals mit großer Selbstverständlichkeit in den spätgotischen Langhausraum eingefügt, als wäre der für ihn gebaut worden – so beherrscht dieser prächtige Barockprospekt noch heute den Dom: Bis ins Gewölbe aufgetürmt, füllt er den Raum zwischen den Türmen, davor schwingt die Musikempore von 1665 bis zu den westlichen Langhauspfeilern vor. Mit reich geschnitzten, solide vergoldeten Akanthuswangen, mit musizierenden Engeln und wappenhaltenden
Putten geschmückt, ist diese beeindruckende Orgelwand in ihrer damaligen Form im Wesentlichen bis heute erhalten geblieben.

Das Werk, wohl schon 1693 von Zacharias Theisner begonnen (sein Name ist in verschiedenen Schreibvarianten überliefert), konnte erst 1713 (!) abgenommen werden und wurde dann von zwei Abnahmekommissionen (die erste bestehend aus dem herzoglichen Kapellmeister Christian Heinrich Aschenbrenner und dem Hoforganisten Georg Friedrich Kauffmann, die zweite aus dem Altenburger Hoforganisten Gottfried Ernst Bestell und dem Orgelbauer Johann Friedrich Wender aus Mühlhausen) als unbrauchbar verworfen, nachdem es schon zwischenzeitlich 1698 ohne weitere Konsequenzen ein vernichtendes Gutachten des Halberstädter Orgelbauers Christoph Gloger gegeben hatte! So mußte denn unmittelbar anschließend 1714 Wender das Werk zunächst technisch gründlich überarbeiten (u. a. komplett neue Windladen und sechs neue Bälge anfertigen!), dabei von 41 auf 50 Stimmen „des ersten Prospectes unbeschadet“ erweitern und mit einem „besonderen Clavier für das Rückpositiv auf dem untern Chore“ versehen.

Nach der positiven Beurteilung dieser umfangreichen Rettungsaktion durch Bestell und den Leipziger Thomas-Cantor Johann Kuhnau erhielt Wender 1715 einen Anschlußauftrag, das Ganze noch einmal zu „verbessern und vergrößern“: Es wurden „mehrere Stimmen theils verändert, theils neu hinzugebaut“ auf dann 66 Register inklusive eines neuen Stahlspieles, dabei zusätzlich ein Brustwerk mit einem vierten, dem nunmehr untersten Manual, neu angelegt. Dennoch konnte Wender – wie die weitere Entwicklung zeigen sollte - trotz lobender Abnahme durch J. Kuhnau, G. F. Kauffmann und den Merseburger Hof-Capellmeister Jacob Christian Hertel, die im Juli 1716 stattfand, offenbar nicht die Qualität und Geschlossenheit eines eigenen Neubaus erreichen.

Die feierliche Orgelweihe erfolgte erst am 17. Oktober 1717. Für die lange Zeit zwischen der Abnahme sind Arbeiten am Prospekt vermutet worden. Das Monogramm des „Geigenherzogs“ Moritz Wilhelm (1712-31) am Hauptwerk weist auf diesen erweiternden Umbau hin.

1734 erhielt auf Veranlassung von Kauffmann und dem herzoglichen Capell-Meister Johann Theodor Römhild der Silbermann-Schüler und -Mitarbeiter Zacharias Hildebrandt 1734 den Auftrag, im Rückpositiv „zwei Gedackte im Cammerton zur Begleitung der Musik“ anzulegen und mehrere neue Register (genannt werden Unda maris und Vox humana) einzufügen.

Etliche mehr oder weniger umfangreiche Reparaturen folgten: Der langjährige Merseburger Domorganist Wilhelm Schneider (1824-1843) errechnete in seiner „Ausführlichen Beschreibung der großen Dom-Orgel zu Merseburg“ (Halle 1829), der die obigen Zitate entnommen sind, für die bis dahin erfolgten Veränderungen und Reparaturen ab 1714 eine „Hauptsumme von 10.251 Thlr. 14 gGr. 2 Pf.“, die er den Kosten für das mit Theisner „für 4000 Rthlr. veraccordirete“ Werk gegenüberstellte.

Schneider hielt denn auch seine Dom-orgel für ein „von Anfange sehr irregulair angelegtes Orgelwerk“ und war ebenso wie seine Nachfolger Carl August Ritter (1844 - 1847) und insbesondere David Hermann Engel (1847-1877), der zugleich „königlicher Orgelrevisor“ der preußischen Provinz Sachsen war, um eine nachhaltige Verbesserung bemüht. „Ihrer Qualität wegen hätte sie auf ein Renommee nicht Ansprüche machen können, wie sie es in der That genoß“, urteilte Engel in seiner „Denkschrift der durch Herrn Friedrich Ladegast erbauten großen Dom-Orgel zu Merseburg“ (Erfurt 1855). Man sei wohl „gern geneigt, die schmucke Außenseite einer Orgel mit dem innern Werthe derselben zu identificiren, ein prächtiges Orgelgehäuse für eine prächtige Orgel zu halten“.

Die Erneuerung des „Riesenwerks“ wurde auf Vorschlag von Engel ungewöhnlicherweise einem „jungen, damals allerdings noch wenig bewährten Meister“ anvertraut, dessen Umbauvorschlag „bei außerordentlicher Billigkeit, zugleich der Umfassendste“ unter den eingereichten Angeboten war und der sich ihm vor allem durch „die außerordentliche Solidität und künstlerische Tüchtigkeit … bei dem Bau von zwei kleineren Landorgeln in hiesiger Gegend“ empfohlen hatte: Friedrich Ladegast (1818-1905) aus Weißenfels, der große mitteldeutsche Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, den dieser Orgelbau berühmt
machen sollte.

Er hat 1853 bis 1855 in das alte Barockgehäuse ein vollständig neues Werk hineingebaut, das bei mechanischer Traktur mit Schleifladen in 81 Registern nunmehr insgesamt fast 5700 Pfeifen und das alte Stahlspiel enthielt - seinerzeit eine der größten Orgeln in Deutschland. In dem 1875 bei Maßmann abgedruckten Werkverzeichnis Ladegasts wird diese Arbeit immer noch als „gründlicher Umbau“ geführt, da Ladegast, wie wohl in der Ausschreibung gefordert, zunächst aus der Vorgängerorgel noch 26 ältere Register übernommen hatte. Allerdings hatte er in der Zwischenzeit 1866 bereits auch diese mit Ausnahme des Stahlspiels und der Schallmey 8’ im Oberwerk im Interesse eines einheitlichen Klangbildes durch eigene Register ersetzt, so daß man nun tatsächlich nicht mehr von einem Umbau sprechen konnte.

Franz Liszt hat an dem Bau dieses orgel- und musikgeschichtlich bedeutsamen Instruments, der ersten romantischen Großorgel Mitteldeutschlands, lebhaften Anteil genommen und sich durch sie zu seinen bedeutendsten Orgelwerken anregen lassen. Die Orgelweihe am 26. September 1855 stieß auf ein begeistertes Echo. Neben den Kompositionen von Liszt selbst ist vor allem die an dieser Orgel 1857 uraufgeführte große
Sonate seines jung verstorbenen Schülers Julius Reubke zu nennen. Durch Ladegast und Liszt in besonderer Weise ein authentisches Instrument für die romantische Orgelmusik des 19. Jahrhunderts, blieb die Merseburger Domorgel in ihrer großartigen Klangvielfalt ebenso ein Konzertinstrument von höchstem Rang für die ältere Orgelliteratur.

Massive Eingriffe ohne klares eigenes Klangkonzept hatten jedoch bei notwendigen Reparaturen seit den 1960er Jahren die in sich geschlossene Ladegastsche Disposition durch den willkürlichen Ersatz zahlreicher Register empfindlich gestört. Hinzu kamen Verschleißerscheinungen an den Windladen und der Traktur, die Winderzeugung war problematisch. Andererseits hatten die von dem langjährigen Domorganisten Hans-Günther Wauer (1951 bis 1996)  ins Leben gerufenen „Merseburger Orgeltage“ der Domorgel zu einer vorher nicht gekannten breiten Zuhörerschaft verholfen.

1994 beschäftigte sich auf Anregung von Michael Schönheit, unter dessen Vorsitz der Freundeskreis Musik und Denkmalpflege in Kirchen des Merseburger Landes e. V. damals die Trägerschaft für diese traditionsreichen Orgeltage übernahm, ein Symposium von Orgelfachleuten mit dem Zustand der Orgel und der Zielstellung für die notwendig gewordene umfassende Instandsetzung. Der Freundeskreis war dann auch –  in Abstimmung mit dem Domstift Merseburg – der verantwortliche Träger der Erneuerung. Von 2001 bis 2004 haben in einem ungewöhnlichen gemeinschaftlichen Restaurierungsprojekt die Firmen Eule, Scheffler und Wegscheider mit dem Intonateur Matthias Ullmann über die dringend notwendige technische Instandsetzung hinaus wie von dem Symposium empfohlen die Orgel in der Ladegastschen Disposition wiederhergestellt und ihr auch in der Intonation so weit wie möglich das Ladegastsche Klangbild von 1866 zurückgeben können.

Dr. Peter Ramm